Die Sünderin und die Heilige

[alle Predigten]  [Hauptseite] von P. Oliver Heck SVD (zum 11. Sonntag im Jahr C)


Die Hl. Thérèse

Manchmal ist es spannend zu erfahren, was Heilige beim Lesen der Hl. Schrift dachten. Die Hl. Thérèse von Lisieux las einmal das heutige Evangelium und es wurde für sie zu einer bedeutenden Stelle. Um ihre Gedanken besser zu verstehen, schauen wir kurz auf ihr Leben. Thérèse, wie ihr Name auf franz. heißt, wurde als neuntes Kind der Eltern Martin im nördlichen Frankreich geboren. Schon mit vier Jahren verlor sie die Mutter. Ihren Schmerz über die fehlende Mutter konnte sie durch die enge Bindung an Maria und ihre Verehrung als Gottesmutter lindern. Schon mit vierzehn wollte sie ins Kloster eintreten. Aufgrund ihres jugendlichen Alters wies man ihre Bitte zurück. Deshalb pilgerte sie nach Rom und bat den Papst persönlich unter Tränen eintreten zu dürfen. Schließlich wurde es ihr gewährt. Thérèse wurde von Gott mit besonderen Gaben beschenkt. Sie pflegte eine sehr innige Beziehung zu Jesus und betete für die Mission der Kirche. Sie vertraute sich wie ein Kind vollkommen den Armen Gottes an und hielt diese Haltung auch in Krankheit und Leid durch. Auf ganz außergewöhnliche Weise lebte diese junge Frau in Heiligkeit nach Gottes Willen. Im Evangelium von heute hörten wir von einer ganz anderen Frau, einer stadtbekannten „Sünderin“. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um eine Prostituierte. Beim Lesen dieser Bibelstelle traf die Heilige Thérèse traf vor allem folgender Satz: „Ihre Sünden – und es waren viele – sind ihr verge­ben; darum zeigt sie auch so viel dankbare Liebe. Wem wenig vergeben wird, der ist auch weniger dankbar.”

Ein Arzt hatte zwei Söhne

Die heilige Therese fragte sich nun: „Was ist dann mit mir? Ich habe keine schweren Sünden begangen. Bin ich deshalb undankbar? Ich habe keine großen Fehler gemacht, liebe ich Gott deshalb nur wenig? Das will sie so nicht gelten lassen. Ich danke Gott dafür, dass er mich vor Sünden bewahrte.“
Ihre große Dankbarkeit erklärte sie mit dem Beispiel eines Arztes, der zwei Söhne hatte:
Angenommen der erste Sohn des Arztes geht auf einem Weg und stolpert über einen Stein und bricht sich dabei ein Bein. Sofort eilt sein Vater zu Hilfe und veranlasst alles Notwendige, um den Bruch wieder zu heilen. Ohne Zweifel wird der Sohn seinem Vater sehr dankbar sein. Nun räumte der Vater den Stein aus dem Weg. Danach ging sein zweiter Sohn denselben Weg und kam nicht zu Schaden. Der zweite Sohn wusste nichts davon, dass sein Vater das Hindernis aus dem Weg geräumt hatte, deshalb wird der zweite Sohn den Vater nicht so sehr lieben wie der erste. Wenn aber der unversehrte, zweite Sohn von der Gefahr erfährt, vor der ihn der Vater bewahrte, wird er den Vater dann nicht viel mehr lieben?

Gottes Vorsorge

Nun überträgt die Heilige Thérèse dieses Beispiel auf sich. Sie findet sich im zweiten Sohn wieder. Sie sieht Gott als den fürsorglichen Vater, der Vorsorge trifft:
„Er will, dass ich ihn liebe, weil er mir nicht nur vieles, sondern alles vergeben hat. Er wartet nicht, bis ich ihn sehr liebe, wie bei der stadtbekannten Sünderin. Er will mir sagen dass er mich mit einer unsagbaren Vorsorge liebt, damit ich ihn bis zum Wahnsinn liebe.“
Dieses Beispiel gilt nicht nur für die Hl. Thérèse. Wir können es auch auf uns übertragen. Wir sind mehr oder weniger davon überzeugt, dass wir gute Christen sind. Wir finden daran nichts Besonderes. Mit dem Beispiel der Hl. Thérèse ändert sich das total. Wir können nur gute Christen sein, weil Gott vorsorglich uns viele Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt hat. Nicht auszudenken, was aus uns geworden wäre, wenn Gott viele Schwierigkeiten auf unseren Weg liegen gelassen hätte. Nach der Heiligen Thérèse – und jetzt kommt etwas, was uns vielleicht schockiert – nach ihr könnten wir alle Versager oder stadtbekannte Sünder sein, wenn uns Gott nicht immer wieder die Stolpersteine aus dem Weg geräumt hätte.

Gott bewahrt und Gott heilt

Und jetzt mache ich es noch deutlicher, auch wenn es weh tut. Ich könnte mir vorstellen, dass ich unter bestimmten Umständen ein Mörder geworden wäre. Wenn ich einmal annehme, dass ich in einer Mafia – Familie groß geworden wäre. Wenn man mir von Klein auf das Töten beigebracht hätte, wenn man mir immer wieder eingebläut hätte, dass ich andere Clans hassen soll und man sich mit Blutrache wehren muß. Wenn man mir zum sechzehnten Geburtstag eine Pistole geschenkt hätte. Wenn ich viele Enttäuschungen erlebt hätte, nur Härte und keine Liebe erfahren hätte … Was wäre aus mir geworden? Wäre ich zum Verbrecher geworden? Ich könnte es mir durchaus vorstellen. Darum will ich Gott danken, dass er mir viele Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt hat. Und ich will ihm danken, dass er mir bei anderen Schwierigkeiten, bei denen ich gestolpert bin, immer wieder aufgeholfen hat. So kann ich Gott zwei Mal danken. Einmal weil er mich vor Schwierigkeiten bewahrt hat und zum zweiten weil er mir, nach dem ich gefallen bin, meine Wunden immer wieder verbunden hat. Betrachtet man es genau, so hat wohl jeder Mensch Grund, Gott zu danken und dankt man ihm erst einmal, dann möchte man ihm gegenüber auch nicht mehr undankbar leben. Die Hl. Thérèse sagte, dass sie Gott wahnsinnig liebt und lebte ein Leben in Heiligkeit. Ein Stück davon tut auch jedem von uns gut.
(vgl. Therese von Lisieux, „Selbstbiographie“ (Einsiedeln 1958, 10. Aufl. 1984) 81.)

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