Beten?- Bringt's das?

[alle Predigten]  [Hauptseite] von P. Oliver Heck SVD (zum 17. So.)


"Gib uns unser tägliches Brot." Diese Bitte des Vaterunser scheint überflüssig zu sein. Wir leben im Wohlstand, wir sorgen uns nicht um Brot höchstens um die beste Fleischsorte. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen auf der Erde, die überhaupt nicht genug zu essen haben, oder die sogar verhungern. Wirkt für sie diese Bitte um das tägliche Brot nicht wie Hohn?

Vater aller Menschen

Im Vaterunser rufen wir Gott als Vater an. Er liebt alle Menschen gleich und ist der Vater aller Menschen. Stellen wir uns eine Familie vor, in der mehrere Geschwister leben, und in der die Hälfte der Geschwister gut lebt, während die andere Hälfte hungert. Dann würden sich die Wohlhabenden nicht um das eigene Auskommen sorgen und die andere Hälfte würde den Vater mit Bitten bedrängen. Was würde der Vater dann tun? Er würde sich um Ausgleich bemühen, da er alle Kinder gleich liebt.

Beten ändert die Lebenseinstellung

Ähnlich ist es bei Gott. Er liebt alle Menschen gleich. Und doch lebt man in vielen Ländern der Erde mit extremen sozialen Unterschieden. Wenn der Wohlhabende betet: "Gib uns unser tägliches Brot." Dann enthält diese Bitte auch den Anruf "Vater aller Menschen", bzw. "Vater meines Nächsten". Man bittet um Brot, also um das Lebensnotwendige. Es geht nicht um Überfluss oder Reichtum. Es geht nicht um erlesene Weine, teure Fruchtsäfte oder das beste Rinderfilet. Es geht nur um ein gutes Auskommen. Wenn wir also aufrichtig das Vaterunser beten, dann bedeutet dies auch, dass wir uns mit dem Notwendigen zufrieden geben und nicht unbedingt in Überfluss schwelgen müssen. Menschen die, das Vaterunser so aufrichtig beten, machen sich frei von überzogenen Ansprüchen. Sie erweitern ihren Blick und öffnen sich für die Not anderer Menschen. Und auch in unserem Land gibt es Bedürftige. Und es gibt Menschen, die ihr Herz öffnen. Z.B. widmen Menschen ihre Zeit und Mühe um ehrenamtlich bei Tafeln für Arme mitzuarbeiten. Durch sie verwirklicht sich die Bitte der Armen um das tägliche Brot.

Wie können Menschen das zulassen?

Beten Menschen aufrichtig das Vaterunser, dann verändert sich ihre Einstellung und sie werden automatisch offen für andere. So erhalten sie die Kraft ihre Gaben zu teilen, dadurch verändert sich ihr Lebensstil so, dass sie für ihr eigenes Auskommen sorgen und gleichzeitig noch Spielraum für andere haben. Auf diese Weise erfüllt sich für die Ärmeren dann auch ihre Bitte um das tägliche Auskommen. Auch sie machen sich offener für andere und übernehmen mehr Verantwortung für sich selbst und ihren eigenen Unterhalt. Insofern kann die Bitte im Vaterunser auch als Lebensprogramm verstanden werden. Wenn wir dann mit dieser inneren Haltung in der Welt leben, fragen wir nicht mehr wie kann Gott Armut zulassen, wir fragen dann wie können Menschen das zulassen. Je mehr Menschen das Vaterunser aufrichtig beten, desto weniger Not wird es in der Welt geben.

Vor Gott als Bedürftige

Darüber hinaus möchte uns Jesus aber auch ermuntern Gott direkt um etwas zu bitten. Ich kannte einmal eine Familie, die Gott inständig direkt um einen Arbeitsplatz für den Vater bat. Sie haben lange gebetet und ihr Gebet wurde nach vielen Monaten erhört. Solche Beispiele gibt es viele. Vielleicht haben wir es heute verlernt, uns als Bittsteller an Gott zu wenden. Es ist an der Zeit, dass gerade wir in den wohlhabenden Ländern auch uns als Bedürftige betrachten. Unser Stolz stellt uns eine Hürde in den Weg, die wir überwinden müssen. Vor Gott sind wir nun einmal armselige Geschöpfe, ob wir nun in der Welt groß und berühmt sind oder nicht. Deshalb ist es für jeden angebracht, sich vor ihm als Bittsteller zu betrachten. Erst wenn man diesen Schritt getan hat, wird man Gott auch um Hilfe anrufen. Nicht nur wenn es um Nahrung geht, sondern auch wenn man z.B. in einem Streit nicht mehr weiter weiß. Dann kann man Gott um Vermittlung anrufen. Ihm diese Sache anvertrauen und sagen: "Herr, du siehst mich und du siehst auch denjenigen mit dem ich streite. Du allein weißt, was richtig ist. Öffne mir die Augen für meine Versäumnisse und für die Stärken meines Nächsten und öffne das Herz meines Nächsten, damit wir uns wieder vertragen." Wer so bittet erhöht sicherlich seine Chancen auf Frieden. Auf diese Weise kann Glaube auch trennende Berge versetzen.


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