Einer von uns

[alle Predigten]  [Hauptseite] von P. Oliver Heck SVD (zum Weihnachtsfest 2011; Lk 2,1-14 und Joh 1,1-18)


Überzuckertes Fest

Ein kleines Kind erregt Aufmerksamkeit und wer es anschaut wird gleichsam verzaubert und beginnt zu lächeln. Wer freut sich nicht daran ein so niedliches Menschlein in den Armen zu halten? Das Weihnachtsfest ist sicherlich auch deshalb so beliebt, weil wir die Geburt eines Kindleins feiern. Das Fest ist auch das Fest des Friedens. Es ist einfach schön zu sehen wie sich alle Welt nach Frieden sehnt und Menschen sich gegenseitig beschenken und Freude bereiten. So schön das alles auch ist, dabei wird der tiefere Sinn des Festes häufig überzuckert.

Der ferne Gott

Wir feiern die Menschwerdung des unendlichen Gottes. Der unendliche Gott scheint weit weg. Er ist unsichtbar und nur schwer zugänglich. Er lebt an keinem bestimmten Ort und passt nicht in irgendeine Zeitspanne hinein. Gestern, heute und morgen kennt er nicht. Er lebt immer, ohne dass er alt werden würde. Er ist überall an allen Orten des Universums und der Erde. Er weiß alles, blickt in die Zukunft und in die Vergangenheit. … Ich nehme an, dass sie sich langweilen würden, wenn ich noch weiter darüber schreiben würde. Er ist für uns nicht begreifbar und nicht vorstellbar, dadurch wirkt er so fremd für uns. - Daran wollte er etwas ändern: Er kam uns entgegen.

Einer von uns

Er nahm viel auf sich und wurde in einem menschlichen Leben zu Hause. Er wollte so leben wie wir und einer von uns werden. Er arbeitete mit seinen Händen und machte sich schmutzig. Er wollte mit Mühe weite Strecken gehen und sich am Abend müde zur Nachtruhe begeben. Er aß und trank ähnlich wie wir. Seit der Menschwerdung Gottes wird uns klar: Unser Gott hat ein Herz für uns. Jesus Christus handelte, sprach und dachte wie ein Mensch es tut. Er wusste, was es heißt wütend zu sein, denn er selbst wurde zornig (z.B. als er die Händler aus dem Tempel vertrieb). Er spürte die beklemmende Angst in sich so stark, dass er am Ölberg Blut schwitzte. Er wusste, was es heißt, Schmerzen zu ertragen. Er fragte sich: „Was halten die anderen Menschen von mir?“
Es gab Situationen, in denen er sich unsicher war und sich nach dem rechten Weg fragte. Bei all den Schwierigkeiten des menschlichen Lebens lernte er auch die positiven Seiten kennen. Er jubelte und lachte. Er feierte Feste mit seinen Verwandten. Er dankte für die Güte anderer Menschen, die es gut mit ihm meinten. Er suchte nach Erholung, Ruhe und war froh wenn er einmal alleine sein konnte. Im intensiven Gebet tröstete ihn der Heilige Geist. Sein Herz empfand zarte Liebe für seine Mutter und dem Hl. Josef gegenüber. Freundschaftliche und väterliche Zuneigung empfand er seinen Jüngern und Jüngerinnen gegenüber. Die niedliche Freude der Kinder steckte ihn an. Die Schönheit der Blumen und der Schöpfung ließen ihn dankbar sein. Mitleid und Barmherzigkeit bewegten ihn, wenn er Leidenden, Trauernden und Armen begegnete. Seine Gottheit strahlte dabei immer wieder durch bei den Wundern und in seiner einzigartigen Weise zu leben.

Aus unserer Sicht

Bei alledem lernte Jesus die Menschen aus der Sicht des Menschen kennen. Er wusste, was sie bewegt, weil er selbst im Innersten bewegt wurde von vielen Menschen und Situationen. Vereinfacht gesprochen lernte Gott uns Menschen von innen heraus kennen. Es ging ihm in Fleisch und Blut über. Er sah alles mit unseren Augen. Er weiß bis heute wie Menschen denken, was sie bewegt und wie sie fühlen. Er kennt es von innen heraus. Genau deshalb können wir uns ihm auch ganz anvertrauen. Er ist nicht mehr der ferne Gott. Als Kind kam er um allen zu sagen: „Ich bin kein über allen thronender Donnergott, der argwöhnisch überwacht, sondern der menschenfreundliche und nahe Jesus. Schau mich doch an! Ich bin ein Kindlein. Ich warte darauf, dass du mich in den Arm nimmst!“

So wie wir sind

Mit der Geburt Jesus möchte uns Gott alle Angst und Unsicherheit vor ihm nehmen. Er weiß um unsere Schwierigkeiten und sehnt sich danach, dass wir uns ihm anvertrauen und möchte gleichsam sagen: „Ich bin Mensch geworden und kenne dich. Wenn du darauf wartest ein Engel zu werden, bevor du dich an mich wendest, kannst du lange warten. Ich will dich lieben so wie du bist.“
Gott sehnt sich nach uns! Eigentlich würde es ihm genügen von den Engelscharen verehrt zu werden. Weil sie vollkommen sind, ist es selbstverständlich, dass sie ihn verehren. Es gehört zu ihrer Natur. Gott wurde Mensch, weil es uns so schwer fällt, uns an ihn zu wenden. Und weil es uns so schwer fällt, ist ihm unsere Zuneigung und Verehrung für ihn um so kostbarer. Das Kind in der Krippe sagt uns: „Du bist mir wichtig. Ich wollte dich kennen lernen, drum bin ich Mensch geworden. Nimm mich einfach in deine Arme.“


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